
Wieder gelandet.
In unserer geliebten Welt. Wo wir zuhause sind. Unser Leben, die kleine schöne Welt. Bereichert.
Sitze nun hier, höre eine schöne Playlist. Das marokkanische Licht brennt. Marrakech. Auf dem großen Platz, arabische Musik, live im Hintergrund. Gerade hatten wir gegessen. Stand 52. Streetfood würde das bei uns heißen. Jeden Abend bauen sie die Stände auf inklusive Freiluftküche. Fisch, Fleisch, Gemüse. Bankreihen. Du setzt dich hin, schaust, bestellst, isst. In dieser verrückten Welt.
Gelandet gestern Abend, und doch nicht. Noch dort auf der Dachterrasse. Essaouira. Am Ende, im Norden der Stadt, am Ende der Gasse, die zum Tor führt. Das einzige Haus in der ersten Reihe. Unten der Müllcontainer. Möwen, Katzen, Menschen. Männer pissen an die Stadtmauer. Die Polizei bewacht die Synagoge, ein Holzhäuschen. Der Friseur winkt. Er möchte mich rasieren.
Die Möwen fliegen, das Meer rauscht. Die Müllfahrerin kommt. Sie fährt den Wagen, ein Mann macht das mit dem Müll. Sie trägt einen Kaftan, ist stämmig, souverän, eine Institution im Viertel. Ihr macht niemand was vor, ihr kommt keiner schräg. Sie telefoniert, wo immer ich sie sehe. Fährt, dirigiert, lacht, spricht laut, telefoniert.
Unser Flug geht am 3. Januar um 12:55 mit Air Maroc. Die Lufthansa hat uns umgebucht, nachdem sie ihren Flug hat fallen lassen. Einen Tag in Essaouira aufgeben? Am 2. fahren? Sicher nach Casablanca, Hotel, Mietwagen zurückgeben, Abflug.
Wir können uns nicht trennen.
Bleiben. Einen Abend noch. Ich habe die verruchte Bierkneipe im Internet entdeckt. Im Souk hinterste Ecke. Von den Hauptwegen ab. Ein Türsteher, breit wie hoch. Ein Kellner, der uns an ihm vorbei hineinführt. Eine eigene Welt. Eine Höhle. Männer, Muslime, die am Heiligen Freitag Bier trinken. Wein. Rausch, Rauch. Wir bestellen zwei Casablanca. Ein Mann an der Thecke schaut mich an und legt seine Hand aufs Herz. Seine beiden Schwestern leben in Schweden. Er könnte Marokko niemals verlassen. Er trägt eine Baseball-Kappe und lächelt dieses Lächeln. Dieses marokkanische Bruderlächeln, so habe ich das genannt. Manchmal siehst du es, es ist schön.
Essaouira. Der Abend des 2. Januar 2026. Wir stellen die Handywecker auf 03:30. Fahrzeit nach Casablanca ca. 5 h. Durch die Nacht über marokkanische Landstraßen. Menschen in dunklen Klamotten auf der Straße, Esel, Katzen, Mopeds ohne Licht, Schlaglöcher. Es wird empfohlen, nicht nachts zu fahren. Irgendwo im Web. Es gibt viele Marokko-Empfehlungen im Web in Richtung „Wasser nur aus verschlossenen Flaschen“. Dann kannst du Marokko auch gleich lassen.
Wir gehen zum Abschluss im La Perle Tajine essen. Wir bekommen einen sehr schönen Platz. Der Kellner wirbelt unsere Bestellung komplett durcheinander. Wir essen und trinken einfach, was er bringt. Lächeln, bedanken uns, freuen uns. Schmeckt eh, egal was.
Nach Hause, es beginnt zu regnen. Die letzten Stunden. Es beginnt so richtig zu regnen, zu stürmen, zu schütten. Der Wind drückt das Wasser durch die Fenster. Wir gehen schlafen, Viveka ist sofort weg. Ich bin unruhig. Das ist viel Regen, sehr viel Regen. Beim letzten Regen hatten die Straßen unter Wasser gestanden. Marokko ist auf starken Regen nicht eingerichtet. Ich muss aufs Klo. Der Boden der Küche ist nass. Das kleine Zimmer nach vorne hat viel Wasser. Es regnet durch. Viveka hatte das kleine Zimmer vorm Zubettgehen trocken gelegt. Die Pegel steigen.
24 Uhr. Ich wecke Viveka und sage: Wir müssen jetzt los. Das Wasser steigt, 03:30 ist zu spät, dann kommen wir aus der Stadt nicht mehr raus. Hole das Auto, die Katzen im Flur fauchen uns an. Gepäck verstaut. Los. Fahre mit Flip-Flops und in Badeshorts, weil es so geregnet hat auf dem Weg zum Auto.
An der Stadtmauer entlang, kein Auto unterwegs. Das Wasser steht hoch, der kleine Picanto pflügt sich den Weg. Ein Bild wie aus Hochwasserstädten, in denen sich Autos durch die Fluten den Weg bahnen. Es stinkt. Regenwasser und die Scheiße der Stadt haben sich vermischt. Bleiben wir jetzt stehen, haben wir ein Problem. Augen zu und durch. Klappt, wir erreichen die trockene Zone. Ich wechsle die Klamotten unter einer Arkade.
Raus aus der Stadt, vorbei am Polizeicheck. Zwei Stunden Landstraße bei Dunkelheit und Vollregen. Der Scheibenwischer auf Endstufe. Durch Orte, in denen das Wasser steht. Durch kleine Seen. Die Straßen sind geflutet, liegen voller Geröll. Start 03:30 hätten wir es nie zum Flieger geschafft. Die Zeit verrinnt. Ein Polizist mit blau blinkender Lampe stoppt uns.
Wir sollen uns einen Parkplatz und ein Hotel suchen. Sind die Straßen gesperrt? Für ein, zwei Tage, bis das Wetter besser wird. „Unser Flug geht um 13 Uhr, wir müssen nach Casablanca.“ „Not save, stay here.“ „We can’t.“ „You take the the Autoroute?“ „Yes.“ „Okay, go.“ Der Polizist ist einmal komplett durchnässt, er winkt, wir fahren.
Auf dem Autobahnschild ist Casablanca schwarz abgeklebt. An der Schranke der Bezahlstation leuchtet der grüne Pfeil. Wir fahren ran, drücken den Ticketknopf. Nichts. Shitty shit. Dann eine leuchtende Laufschrift auf Französisch, die sagt, wir sollen das Ticket entnehmen. Da ist der Freifahrtschein nach Casablanca. Die Schranke geht auf. Wir fahren.
Ich habe keine Minute geschlafen. Es ist mitten in der Nacht, wir sind komplett allein auf der Autobahn. Niemand. Nothing. Weder Pferd, Esel, Moped, Mann im schwarzen Kaftan. Nur wir. Ich bin null müde. Zu viel Adrenalin. Marokko zieht an uns vorbei. Wir fahren raus, verabschieden uns, hören mit den Rest-Gigabytes unserer eSIM Spotify. Casablanca, schau mir in die Augen. Spiel’s noch einmal.
In einer Bäckerei Msemen mit Käse. Tee aus der großen Kanne. Die Stadt erwacht, die Menschen kommen, die Kanne leert sich, wird gefüllt. Die Menschen schauen kurz nach denen, die hier nicht leben. Die Europäer, die nicht stören, aber sonst nicht hier sind. Schlürfen den süßen Tee, essen das Brot. Fahren, tanken. Wir haben nicht mehr genug Dirham. Karte? Ja! Wie viel? Ich muss das vor dem Tanken angeben. Ich rechne. Wir haben den Picanto auf 4,7 l Verbrauch runtergefahren. 400 km – wir müssten mit 200 MAD hinkommen.
Die Frage wie immer: Where you come from? Germany, allemand. „Herzlisch Willkommen in Marokko.“ Die 200 Dirham, reichen, dass der Mietwagen voll anzeigt. Ich weiß, er ist nicht komplett voll. Egal. Muss nur bis zur Station reichen. Trinkgeld, kurzes Deutsch-Englisch-Französisch-Palaver. Lächeln, Gruß, Nähe, Abfahrt.
Flughafen, Gepäckaufgabe. Passt. Trotz aller Einkäufe und Mitbringsel. Zollcheck. Winkt durch. Stempel bei der Ausreise. Eine Seite Marokko im Reisepass voll. Warten. Die letzten Dirham verfuttern. Anderthalb Stunden verspätet starten.
Der Sturm draußen. Über den Wolken. Ein letztes marokkanisches Essen im Flieger. Frankfurt, Auto am Gate entgegennehmen, auf die 45, Ferienverkehr, Schneematsch, zweieinhalb Stunden deutsche Autobahn. 36 Stunden nicht geschlafen und die Skiurlaubrückkehrer rutschen Fullspeed an uns vorbei. Was ist gefährlicher? Diese A45 voller Baustellen und Highspeed bei Schnee oder Marokko bei Nacht? Egal. Bleibe rechts, max 80. Hauptsache gesund nach Hause.
Jetzt sitze ich hier. Die Bilder ziehen vorbei. Morgen werde ich arbeiten. Texten, die Finger fliegen lassen. Reisen. Marokko lässt mich nicht los, das Leben wird mir das Land morgen entreißen. Bilder, Brüche. Momente, Gefühle. Die Seele fliegt, ich fliege, ich lande. Und hebe wieder ab. Ich will es sehen, das Fremde, das Neue, das Andere. Weil es mich reich macht. Weil es mich streichelt. Weil es mein Leben ist.
Zurückkommen. Das Haus ist warm, die Autos sind vor der Tür geparkt, die Wäsche hängt zum Trocknen, die Mitbringsel liegen sortiert auf dem Tisch, das Lämpchen aus Marrakech leuchtet bunt. David Bowie.
Man kommt nicht zurück, wie man gegangen ist. Es verändert. Den Blick, das Denken. Zunächst nur für den Moment. Ab dem ersten Videocall morgen Früh ist dann Business wieder Alltag. Fußball am Abend, die Woche getaktet. So ist Leben. Gehen, zurückkehren. Seinen Job machen.
Geld verdienen für die nächste und übernächste Reise. Lissabon steht an, Kuba im Sommer. Damit sich das Arbeiten lohnt. Rendite einfahren, Dividenden – in Muscheln, Stränden, Menschen, Erlebnissen, Abenteuern. Am Ende nichts ausgelassen haben. Jeden Stein gewendet, die Hoffnung nicht aus den Augen gelassen, das Leben nicht verschwendet. Auch, wenn nichts bleibt, so ist es jetzt prall und schön. Schweben, fliegen, wandeln. Love it. Love, love it, love it so much.







